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19.02.2017, 16:59 Uhr

Außenseiter Wildschwein

Die Rückkehr dieser Schlüsselart ist ein Glücksfall für unsere Ökosysteme...

© Holger Sticht
Die Rückkehrer sind in aller Munde, gerade bei den Säugetieren. Während aber die Rückkehr von Wolf, Biber oder Fischotter zu Recht allgemein als Gewinn und Glücksfall gesehen wird, tun sich Viele beim Wildschwein schwer. Zu Unrecht.

Auch das Wildschwein (wissenschaftlich Sus scrofa, was übrigens soviel bedeutet wie "Schwein-Mutterschwein") war in weiten Teilen Deutschlands in den 1930er Jahren durch Bejagung ausgerottet. So gab es beispielsweise in Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein um 1940 keine Wildschweine mehr. In NRW hatte es in mehreren kleinen, voneinander isolierten Gebieten überleben können, zu denen auch die Wahner Heide zählt. Von dort aus startete nach dem Zweiten Weltkrieg die selbständige Wiederbesiedlung, die bis heute anhält – obwohl das Wildschwein nie unter Schutz stand.

© Holger Sticht
Diese Erfolgsgeschichte hat mehrere Ursachen. Die Jagd war in den Nachkriegsjahren aufgrund des Verbots des Waffenbesitzes stark eingeschränkt, sodass sich die kleinen Restpopulationen erholen konnten. Dazu trug auch die natürlicherweise hohe Nachkommenschaft beim Wildschwein bei, die allerdings erforderlich ist, um die in harten Wintern hohe Verlustrate auszugleichen. In den letzten Jahrzehnten wirkte sich vor allem die gestiegene Nahrungsverfügbarkeit positiv aus – nicht nur auf den landwirtschaftlichen Nutzflächen, sondern auch im Wald durch die gehäufte Fruchtbildung bei Eiche und Buche, die mit der Menschen gemachten Klimaveränderung korreliert. Und die Jagd dient längst in erster Linie der Freizeitbeschäftigung, nicht mehr der Nahrungsbeschaffung. Und zu diesem Hobby zählt auch die Hege.

Das gefährdete Hundsveilchen auf einem im Jahr zuvor durch Wildschweine bearbeiteten Sandmagerrasen
© Holger Sticht
Die französische, nach der leitenden Wissenschaftlerin benannte „Servanty-Studie“ von 2009 belegt anhand 22 Jahre währender Forschung, dass die Vermehrungsrate in nicht bejagten Beständen niedriger als in bejagten liegt. Darauf deutet auch die Jagdstrecke (durch Jäger pro Jagdjahr getötete Tiere) hin: beim Wildschwein nimmt sie in NRW bei nahezu flächendeckender Jagd im Außenbereich kontinuierlich zu, während die Zahl der Konflikte steigt.

Inzwischen hat das Wildschwein sogar ein „Image-Problem“. Dabei ist es eine wichtige Schlüsselart in unseren Ökosystemen, u.a. weil sie durch ihre Wühltätigkeit Rohböden schafft, die für zahllose Artengemeinschaften, z.B. für konkurrenzschwache Pionierpflanzen, unersetzlicher Lebensraum sind.

Knapp einjährige Wildschweinspur mit Silberfingerkraut, Roter Schuppenmiere, Natternkopf und Sandbienennestern
© Holger Sticht
Die Konflikte mit der Landwirtschaft können – mit mehr Aufwand, aber dafür effektiv – durch mobile Elektrozäune deutlich gemindert werden. Zunehmend rücken Wildschweine aber auch dem Menschen „auf die Pelle“. Denn die intelligenten Tiere lernen schnell, dass die jagdlich befriedeten Siedlungsbereiche für sie sicherer sind als der Außenbereich, wo sie meist stark verfolgt werden.

Die Forderung nach mehr Jagd verstärkt das Problem, die Lösung ist neben der Anpassung der Zaunanlagen die Beschränkung der Jagd auf Randzonen des Außenbereichs, und auch hier auf höchstens einjährige Tiere. 

HS
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Sa, 16.12.2017
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