20.01.2016, 21:25 Uhr

Die große Rohrdommel der Dellbrücker Heide

Rettungsaktion für schwer verletzten Vogel fand ein trauriges Ende..

Foto durchs Spektiv
Foto durchs Spektiv
© Peter Jung
Peter Jung beobachtete am 17. Januar erstmalig eine große Rohrdommel im Naturschutzgebiet Dellbrücker Heide. Aus etwa 150 Metern Entfernung hatte er sie nur mit einem Spektiv entdecken können. Auffällig war, dass das Tier nicht stand, sondern mit ausgebreiteten Flügeln im Schilf lag.

Auch an den folgenden zwei Tagen konnte die Dommel trotz beobachteter Versuche nicht aufstehen, sondern verharrte an der selben Stelle in ähnlicher Position. Das Tier musste offenbar schwer verletzt sein.

Am 20. Januar beantragte der BUND bei der Stadt Köln eine Genehmigung, um den Vogel aus der Nähe begutachten, ggf. bergen und tierärztlich behandeln lassen zu dürfen. Denn geschützte Arten dürfen in keiner Weise durch Menschen behelligt werden, es sei denn die zuständige Naturschutzbehörde erkennt einen Ausnahmefall. Da dieser ganz offensichtlich vorlag, erteilte die untere Landschaftsbehörde umgehend eine Genehmigung.

In einem Karton wurde die Dommel zum Tierarzt gebracht
In einem Karton wurde die Dommel zum Tierarzt gebracht
© Holger Sticht
Das Tier konnte tatsächlich am Nachmittag durch mehrere Helfer geborgen und umgehend in eine auf Vögel spezialisierte Tierarztpraxis gebracht werden. Doch die Prognose war niederschmetternd: die Rohrdommel hatte einen offenen Bruch, ein Bein hing nur noch an einem Hautfetzen und war bereits abgestorben. Da Reiher zum Nahrungserwerb zwingend auf beide Beine angewiesen sind, war klar, dass das Tier in freier Wildbahn keine Überlebenschance mehr gehabt hätte. Die Tierärztin entschied daher, die Dommel einzuschläfern.

Die Ursache der Verletzung bleibt ein Rätsel. Der Vogel war im Dickicht zwischen Schilf und Weidenschösslingen gefangen und hat sich die Verletzung möglicherweise bei einem Befreiungsversuch zugezogen. Doch so etwas kann Rohrdommeln, die den großteil ihres Lebens im Schilfdickicht verbringen, normalerweise nicht passieren. Wahrscheinlicher ist, dass das Tier erschreckt worden ist, plötzlich auffliegen musste, dabei aber die Beine nicht wie üblich anlegte und mit diesen dann mit großer Geschwindigkeit gegen ein Hindernis prallte. Dafür käme insbesondere einer der nahe gelegenen Hochleitungsmasten in Frage.

Wenigstens konnte der Vogel von einem noch längeren Leid befreit werden. Denn viele Schreitvogelarten, zu welchen Dommeln - wie alle Reihergattungen - zählen, können viele Tage ohne Nahrung auskommen, wenn sie von Fettreserven zehren können. Doch die Schmerzen müssen unerträglich gewesen sein, und am Ende hätte die Dommel erfrieren oder verhungern müssen.

Die engagierten Helfer, die sich schon auf die Wiederauswilderung im Frühjahr gefreut hatten, tröstet das wenig. Denn die große Rohrdommel (Botaurus stellaris) zählt zu den seltensten Vogelarten Deutschlands. In NRW hat die Rohrdommel seit 1992 nicht mehr brüten können und gilt daher aktuell als ausgestorben, in Deutschland ist sie stark gefährdet. Hier gibt es nur noch auf der Mecklenburgischen Seenplatte Größere Restvorkommen. Sie ist ein Bewohner großer Röhrichtzonen und leidet bei uns vor allem unter Lebensraumzerstörung und der Verdrängung durch Freizeitaktivitäten. 

Im Winter ziehen viele Tiere aus Skandinavien und Osteuropa nach Mitteleuropa, um an eisfreie Gewässer zu gelangen. Hier sind sie dann gezwungenerMaßen oft weniger anspruchsvoll und - wenn auch sehr selten - an kleineren Gewässern und Röhrichten zu beobachten. So liegt der Mittwinterbestand bei nur max. 30 Tieren in ganz NRW! Und auch hier leiden Rohrdommeln, wie viele andere Gewässerbewohner, unter dem massiven Freizeitdruck insbesondere von Hundehaltern und Anglern, die auch noch im Winter an Gewässern unterwegs sind. Denn in der kalten Jahreszeit bedeutet jede Flucht einen Energieverlust und damit zusätzlichen Nahrungsbedarf, der wegen der geringeren Verfügbarkeit von Nahrung schwieriger zu kompensieren ist.

Die Rohrdommel der Dellbrücker Heide war also ein Wintergast, vielleicht aus Mecklenburg-Vorpommern, dem Baltikum oder Polen. Genaues werden wir nicht mehr erfahren.

HS